|
Neue Zürcher Zeitung Online / 08.04.08
Peking schlägt propagandisch zurück: Die chinesische Führung hat eine Propagandakampagne gegen die Proteste beim olympischen Fackellauf gestartet. Nach den Zwischenfällen in Paris konzentrierten sich Chinas Staatsmedien auf die Kritik an den antichinesischen Protesten.
(sda/dpa/ap) China hat eine Propagandakampagne gegen die Proteste beim olympischen Fackellauf gestartet. Das wichtigste Angriffsziel sind ausländische Medien, denen «verfälschte» Berichterstattung über die Tibeter-Proteste vorgeworfen werden.
Das Ausmass und die Schärfe der chinesischen Gegenkritik sind ein Zeichen für die Sorge der kommunistischen Führer, dass nach dem Spiessrutenlauf des Olympischen Feuers auch der reibungslose Ablauf der Sommerspiele in Peking in Gefahr geraten könnte.
«Schlechte Rolle» der Medien
Nach den Zwischenfällen in Paris konzentrierten sich Chinas Staatsmedien am Dienstag auf die Kritik an den antichinesischen Protesten. «Zuschauer des Fackellaufes waren sehr genervt und verärgert über die tibetischen Separatisten und ihre Unterstützer», schrieb die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Ein chinesischer Student namens Liu Zijun wird zitiert: «Die Mehrheit der Franzosen sind China gegenüber sehr freundlich, aber sie haben keine Ahnung, was wirklich in Tibet passiert ist, und sind von verzerrten Berichten einiger westlicher Medien in die Irre geführt worden.» Die Medien spielten eine «sehr schlechte Rolle».
Demonstranten angeblich «Separatisten»
Eine «Hand voll» Unruhestifter habe der Mehrheit prochinesischer Zuschauern gegenüber gestanden, die mit teilweise sogar selbst genähten chinesischen Nationalflaggen freudig dem Olympischen Feuer zugejubelt hätten, wird in Chinas Zeitungen geschildert. Die Demonstranten wurden als «tibetische Separatisten» beschrieben, ohne dass Proteste gegen Menschenrechtsverstösse oder Chinas umstrittene Rolle in dem Flüchtlingsdrama im sudanesischen Darfur erwähnt wurden.
Missgunst als Motiv vermutet
Schon seit Wochen werden die Kritik an China und die Proteste der Tibeter als Verschwörung antichinesischer Kräfte dargestellt, die den Aufstieg Chinas als politische und wirtschaftliche Macht verhindern wollten. Solche Töne kommen im patriotischen Volk gut an. Das Staats-TV zeigt täglich Bilder schwer verletzter Chinesen, die am 14.März in Lhasa brutalen Angriffen randalierender Tibeter zum Opfer fielen.
Dass sich die internationale Kritik gegen die Niederschlagung friedlicher Proteste buddhistischer Mönche, Todesschüsse durch Sicherheitskräfte oder Massenfestnahmen richtet, taucht in Chinas Staatsmedien nicht auf. Auch die Satellitenübertragung westlicher TV-Sender wie CNN wurden häufig zensiert.
Hasserfüllte E-Mails
Was nach Zensur und Propaganda am Ende bei Chinesen übrig bleibt, ist schon länger das böse Gefühl, dass der Rest der Welt ihnen die Olympischen Spiele nicht gönnt. In hasserfüllten E-Mails, Anrufen und manchmal sogar Todesdrohungen gegen Korrespondenten in Peking entlädt sich ein überbordender Nationalismus. Bei Reportern des Fernsehsenders CNN, der Zeitungen «The Wall Street Journal» und «USA Today» sowie der Nachrichtenagentur ap gingen viele Telefonanrufe und E-Mails mit Beleidigungen ein.
Die Absender geben sich als einfache Bürger aus, die sich gegen die Berichterstattung über die antichinesischen Proteste in Tibet wenden. Die Zahl der Anrufe und E-Mails nahm erheblich zu, nachdem auf mehreren Webseiten die Kontaktdaten ausländischer Reporter veröffentlicht worden waren.
«Das chinesische Volk heisst euch hechelnde Hunde aus Amerika nicht willkommen», hiess es in einer E-Mail an ap. «Eure Berichte verdrehen die Tatsachen und werden den Fluch des Himmels auf sich ziehen.» In einer SMS wurde gedroht: «Eines Tages werde ich dich töten.» Der Club der Auslandskorrespondenten in China mahnt zu Sicherheitsvorkehrungen in Büros. |