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Kölner Stadt-Anzeiger, Harald Maass / 17.03.08
Peking - Die E-Mail ist nur wenige Sätze lang. „Die Situation ist schrecklich. Überall gibt es Tote, überall wird gekämpft. Wir haben Informationen, dass am Dienstag die Sicherheitskräfte zuschlagen werden.“ Der Absender ist ein tibetischer Bekannter in Lhasa, den wir Tsering nennen wollen. Seinen wirklichen Namen kann er nicht sagen. Wer jetzt als Tibeter mit ausländischen Journalisten spricht, riskiert alles. Informanten von ausländischen Medien werden in China regelmäßig wegen „Geheimnisverrat“ und „Untergrabung der Staatsgewalt“ der Prozess gemacht. Tsering will trotzdem reden. „Wir müssen telefonieren“, schreibt er.
Der Jokhang. Seit 1.300 Jahren ist der Tempel mit den goldenen Dächern das kulturelle Zentrum Tibets. Normalerweise ziehen jeden Tag Tausende buddhistische Pilger, in Gebete versunken, um das Heiligtum. Seit dem Wochenende gleichen der Platz vor dem Jokhang und die angrenzenden Straßen einem Schlachtfeld. Hier in der Altstadt von Lhasa kam es in den vergangenen Tagen zu den blutigsten Unruhen - mehr als 300 Geschäfte gingen in Flammen auf.

Sicherheitspolizei marschiert durch Kangding in der Provinz Sichuan; wie hier verschärft Peking die Polizeipräsenz in vielen Städten. (Kölner Stadt-Anzeiger)
Gespenstische Leere
Am Montag ist die Gegend um den Jokhang gespenstisch leer, bewacht von paramilitärischer Polizei. Die meisten in Lhasa sind zu ängstlich, um auf die Straße zu gehen. Am Freitag, auf dem Höhepunkt der Unruhen, als Häuser brannten und aufgebrachte Tibeter chinesische Polizisten und Händler durch die Straßen trieben, erließen die chinesischen Behörden ein Ultimatum: Wer sich bis Montag um Mitternacht den chinesischen Sicherheitskräften stelle, dürfe mit einer „leichten Strafe“ rechnen. Wer Unruhestifter anschwärzt, könne straffrei ausgehen. Allen anderen Teilnehmer der Demonstrationen würden „mit aller Strenge des Gesetzes“ bestraft.
Tsering meldet sich am Telefon. „Können wir reden? Ist es sicher?“ Seine Stimme klingt atemlos, die Sätze sind verhaspelt. Er berichtet von den Ausschreitungen. „Viele der Protestierenden sind sehr jung, das sind Studenten und Schüler.“ Er erzählt von brennenden Häusern, von Toten und Verstümmelten. Im Moment sei seine Familie sicher. Aber er sei sehr besorgt. „Die Behörden weisen alle Ausländer aus der Stadt aus, auch die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen“, sagt Tsering.
Was bedeutet das? Einen Moment ist die Leitung still. Die Stille ist lang genug, um sich vorzustellen, wie die „Wujing“, Chinas berüchtigte paramilitärische Sicherheitspolizei, von Haus zu Haus geht und die Altstadt von Lhasa durchsucht. Wie die Polizisten verschreckte junge Tibeter zum Verhör aus ihren Wohnungen zerren. „Am Dienstag werden die Sicherheitskräfte zuschlagen“, glaubt Tsering. Er befürchtet Massenverhaftungen, möglicherweise ein Militärmassaker. Die Rache der chinesischen Staatsmacht für den Gesichtsverlust, den die demonstrierenden Tibeter den KP-Mächtigen in Peking zugefügt haben.
Lhasa ist so anders als die Metropolen im chinesischen Hinterland. In der Altstadt sind die Häuser noch niedrig, gebaut im traditionellen tibetischen Stil aus dicken Steinmauern und Holzdächern. Mönche und Nonnen in dunkelroten Roben, Gemüsehändler und Nomaden in tibetischer Tracht bestimmen das Stadtbild. Es ist diese Ruhe im Schatten des Himalaja, die normalerweise über der Stadt liegt und die Reisende magisch anzieht. Das war das eine, äußere Gesicht Tibets.
Tilgung der tibetischen Kultur
Das innere Gesicht des seit einem halben Jahrhundert von China besetzten Hochlandes sieht anders aus. Wer in Tibet über Politik sprach, hörte von einem Volk, das Unterdrückung leidet. Tibetische Lehrer erzählten vom Aussterben der tibetischen Sprache, weil an den Schulen zuerst Chinesisch unterrichtet werden muss. Mönche berichteten von staatlichen Umerziehungskampagnen, von Gefängnisstrafen und Misshandlungen.
Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer gewaltsamen Entladung der Unzufriedenheit der Tibeter kam. Die Unruhen begannen vor einer Woche am Jahrestag der Niederschlagung des Volksaufstandes von 1959. Mönche versammelten sich zu einem friedlichen Protestzug, um gegen die patriotische Erziehungskampagne zu protestieren, bei denen sie dem Dalai Lama abschwören müssen. Bis zum Freitag hatten sich die Proteste zu einer gewalttätigen Massenbewegung ausgeweitet. Die Regierung schickte ein Großaufgebot der Sicherheitspolizei, ausgerüstet mit Panzern, Gewehren und Schlagstöcken. Am Samstag tauschten sie ihre Schlagstöcke mit Gewehren; Schüsse hallten durch die Straßen. Lhasa, die Stadt der Mönche und Tempel, versank im Chaos.
Wie viele Menschen bei diesen Unruhen wirklich ums Leben gekommen sind, wird die Welt vermutlich nie erfahren. Mit jedem Tag gelangen immer weniger Informationen nach draußen. Bis zum Montag mussten alle Ausländer auf Anweisung der Behörden Lhasa und Tibet verlassen. Ein Teil der Internetverbindungen in Lhasa wurden gekappt, ebenso viele Telefonverbindungen. Die chinesische Regierung hat Lhasa zu einer Stadt ohne Zeugen gemacht. |