Für Menschenrechte, Chen Xialin im Straßenprotest

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Frankfurter Rundshau, Felix Helbig / 21.08.08

Möglicherweise ist der friedliche Weg endlos und führt nirgendwo hin. Auf Störungen aber reagiert Chen Xialin unerwartet schroff, sie könne sich nicht konzentrieren, sagt sie, darunter leide die Übung. Die zierliche Chinesin im gelben Fleece-Pulli sitzt auf dem Bürgersteig, direkt am Bordstein, ihr Transparent hat sie mit Kordeln gespannt, zwischen Laterne und Straßenschild. Auf der anderen Straßenseite erhebt sich hinter Absperrgittern eine sechsstöckige Fassade: das chinesische Generalkonsulat. Chen Xialin geht den friedlichen Weg, störungsfrei, meditierend.

 Xiaolin Chen praktiziert Falun Gong vor dem chinesischen
General-Konsulat Mainzerlandstraße. (Christoph Boeckheler)

Im Pekinger Vogelnest richten sich an diesem Mittwochnachmittag die Augen der Welt auf das olympische 200-Meter-Finale. An der Mainzer Landstraße blicken nur drei Polizisten herüber zu Frau Chen. Dazwischen rast immerfort der Berufsverkehr.

Chen ist jeden Tag an der Mainzer Landstraße. Immer Ecke Heinrichstraße, bei der Laterne, da sitzt die 33-Jährige am Bordstein unter dem Transparent und protestiert gegen die Kommunistische Partei Chinas und deren Unterdrückung der buddhistischen Lehre Falun Gong. Auf einer kleinen Iso-Matte sitzt Chen, neben ihr stapeln sich Broschüren über "Organraub in chinesischen Todeslagern" und den "friedlichen Weg Falun Gong".

Mit fünf Jahren in die Partei

Chen Xialin ist am südlichsten Zipfel Chinas geboren, in Guangdong, als Tochter einer Beamtenfamilie. Ihre Mutter setzt mit der Polizei die Ein-Kind-Politik der Regierung durch, mit allen Mitteln, Chen bekommt früh viel mit. Sie hinterfragt nicht, das hat sie so nicht gelernt. Mit fünf Jahren wird sie Mitglied in der Partei. Den Druck des Systems wird sie erst 20 Jahre später spüren, da hat sie ihr Studium zur Wirtschaftsprüferin in Peking gerade abgeschlossen. Im Winter 2000 verlässt sie China. Auf dem Frankfurter Flughafen angekommen habe sie sich zum ersten Mal frei gefühlt, sagt sie.

Was Falun Gong wirklich ist, lernt sie im Grüneburgpark. Was Falun Gong wirklich ist, ist schwer zu sagen. In der chinesischen Propaganda ist es ein "Teufelskult", in westlichen Medien meist Sekte, für die Anhänger harmlose Meditationsbewegung. Ziemlich sicher ist Falun Gong eine finanzkräftige Organisation mit Sitz in New York, die einen bizarren Personenkult um den Gründer Li Hongzhi betreibt. Ziemlich sicher ist Falun Gong ziemlich harmlos. Die Frankfurter Sektion trifft sich bis heute jeden Samstag im Grüneburgpark.

Chen Xialin sagt, sie habe das Unrecht in ihrem Heimatland irgendwann nicht mehr ertragen und sich deshalb entschlossen, täglich vor dem Konsulat zu demonstrieren. Eigentlich komme sie immer vor der Arbeit her, während Olympia aber auch nachmittags. "Was die Welt von China sieht, ist nur die Oberfläche", sagt sie.

An diesem Mittwoch unterstützen Chen zwei Frauen und ein Mann, allesamt Deutsche, sie meditieren mit am Straßenrand. Auch eine Chinesin ist da, sie unterbricht ihre Übung, um von der Gefangenschaft in einem Lager zu berichten, das nur 23 Kilometer entfernt liegt vom Vogelnest. Durchgehalten habe sie nur, weil ihr Herz frei sei, sagt sie, wegen Falun Gong. Am Ende des Gesprächs wollen alle E-Mail-Adressen tauschen, "falls mal was ist". Falun Gong ist bekannt für eine gewiefte Medienarbeit. Oft dauert es nur Stunden, bis der erste Newsletter aus New York kommt.

Im Konsulat interessiert das alles niemand, nichts regt sich hinter der Fassade. Nur manchmal, sagt Chen, da werde sie fotografiert aus einem der Obergeschosse. Aber zurück nach China könne sie jetzt ohnehin nicht mehr.

 

 
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